Einsatzgröße & Risiko

Das Kelly-Kriterium
einfach erklärt

Wenn du deine Gewinnchance und dein Gewinnverhältnis kennst, sagt dir das Kelly-Kriterium mathematisch, wie viel du einsetzen solltest, weder zu wenig, noch zu viel.

Simon Stark · Aktualisiert 03. Juli 2026 · ca. 6 Min. Lesezeit

01

Woher die Formel kommt

Das Kelly-Kriterium geht auf den Physiker John L. Kelly Jr. zurück, der 1956 bei den AT&T Bell Labs an einem Problem der Informationstheorie arbeitete. Er stellte die Frage: Wenn ich wiederholt eine Wette mit bekannter Gewinnwahrscheinlichkeit und bekanntem Auszahlungsverhältnis eingehen kann, welcher Anteil meines Kapitals maximiert mein Vermögenswachstum langfristig, ohne dass ich mit hoher Wahrscheinlichkeit pleitegehe?

Die Antwort darauf ist bis heute als Kelly-Kriterium oder Kelly-Formel bekannt und wird sowohl im Trading als auch bei Wetten mit bekannten Quoten angewendet.


02

Idealer Einsatz bei bekannter Chance

Voraussetzung für die Formel ist, dass du zwei Dinge kennst oder zumindest realistisch einschätzen kannst: deine Gewinnwahrscheinlichkeit und dein Gewinnverhältnis (wie viel du im Gewinnfall relativ zu deinem Einsatz bekommst).

f* = (b × p − q) / b f* = optimaler Kapitalanteil · p = Gewinnwahrscheinlichkeit · q = Verlustwahrscheinlichkeit (1 − p) · b = Gewinnverhältnis

Das Ergebnis f* ist der Anteil deines Kapitals, den du bei dieser einen Gelegenheit einsetzen solltest, um dein Kapital langfristig am schnellsten wachsen zu lassen, ohne dabei ein realistisches Ruin-Risiko einzugehen.


03

Einmal konkret durchgerechnet

Angenommen, deine Gewinnwahrscheinlichkeit liegt bei 55 % (p = 0,55), deine Verlustwahrscheinlichkeit entsprechend bei 45 % (q = 0,45), und im Gewinnfall bekommst du das 1,2-fache deines Einsatzes zurück (b = 1,2).

f* = (1,2 × 0,55 − 0,45) / 1,2 = 0,225 Das Kelly-Kriterium empfiehlt hier einen Einsatz von 22,5 % des verfügbaren Kapitals.

Schon kleine Änderungen an Gewinnwahrscheinlichkeit oder Gewinnverhältnis verändern das Ergebnis spürbar, deshalb lohnt es sich, mit echten Zahlen statt mit Bauchgefühl zu rechnen.


04

Wann die Formel funktioniert, und wann nicht

  • Sie braucht echte Eingaben: Kelly ist nur so gut wie deine Schätzung von Gewinnwahrscheinlichkeit und Gewinnverhältnis. Falsch geschätzte Werte führen zu falschen Einsatzgrößen.
  • Volles Kelly ist aggressiv: Der errechnete Anteil f* maximiert das langfristige Wachstum, geht aber mit spürbaren kurzfristigen Schwankungen einher. In der Praxis setzen viele deshalb nur einen Bruchteil ein, etwa „halbes Kelly".
  • Diese Version gilt für eine einzelne, wiederholbare Gelegenheit: Wie sich das Prinzip auf mehrere gleichzeitig laufende Positionen überträgt, ist ein eigenes, komplexeres Thema, dazu später mehr.

Im Kern geht es bei Kelly immer um dieselbe Frage wie bei der Entnahme in der Rente: Wie viel kann ich mir erlauben zu riskieren, ohne mein Kapital ernsthaft zu gefährden? Wie diese Frage bei der finanziellen Unabhängigkeit beantwortet wird, erkläre ich im Artikel Wie viel Geld brauche ich für finanzielle Unabhängigkeit?.


Kelly-Rechner & Simulator ausprobieren

Gewinnrate, Verlustrate und Gewinnverhältnis eingeben und den optimalen Einsatz direkt berechnen und simulieren lassen.


Weiterlesen

Verwandte Artikel